19-jährigem Geflüchteten droht lebenslange Haft, weil er auf dem Boot Essen verteilte

Der Fall von Emmanuel A.

Kreta, Griechenland. Am 7. April 2025 findet der Prozess gegen Emmanuel, ein 19-jähriger Geflüchteter aus dem Sudan, der während des Krieges die Hälfte seiner Familie verloren hat, vor Gericht in Chania auf der griechischen Insel Kreta. Ihm wird Schleuserei vorgeworfen, wofür ihm eine lebenslange Haftstrafe droht – nur weil er während der lebensgefährlichen Reise über das Mittelmeer Essen verteilte und beim Nachfüllen von Treibstoff half. Er ist einer von fast 40 sehr jungen sudanesischen Geflüchteten im Alter von 17 bis 20 Jahren, die derzeit im Jugendgefängnis von Avlona wegen Schleuserei in Untersuchungshaft sitzen und denen lebenslange Haftstrafen drohen.

2016 floh Emmanuels Familie vor dem Konflikt im Südsudan und suchte Zuflucht im Sudan. Doch 2023 wurde auch der Sudan vom Krieg erfasst, und sein Vater und sein Bruder wurden getötet. Emmanuel und seine Mutter flüchteten daraufhin weiter nach Ägypten. Doch das Leben dort erwies sich als äußerst schwierig. Als 17-jähriger Geflüchteter hatte Emmanuel keine Möglichkeit, zu arbeiten oder seine Ausbildung fortzusetzen.

Entschlossen, seine Mutter zu unterstützen und sich eine Zukunft aufzubauen, reiste er nach Libyen auf der Suche nach Arbeit. Er nahm jeden Job an, den er finden konnte – Bauarbeiten, Hausreinigung – und sparte jeden Cent. Da er dort jedoch keine wirklichen Perspektiven für die Zukunft hatte, entschloss er sich, seine Ersparnisse für eine Reise von Libyen nach Europa zu verwenden.

Als es an der Zeit war, das Mittelmeer zu überqueren, wollte niemand das Boot steuern, aber jemand musste es tun. Emmanuel erzählt, dass die Organisatoren der Reise in Libyen die Passagier*innen unter Waffengewalt zwangen, Aufgaben zu übernehmen, bevor die Abreise erfolgte. Obwohl Emmanuel nicht selbst das Boot steuern musste, half er dabei, Nahrungsmittel zu verteilen und beim Nachfüllen des Treibstoffs.

Am 29. Oktober 2024 kamen Emmanuel und seine Mitreisenden in Kreta an. Anstatt Sicherheit und Schutz zu finden – insbesondere auch als so junger Mensch – wurde er verhaftet und sofort in Untersuchungshaft genommen. Seitdem befindet er sich im Gefängnis, mit nur seltenem Kontakt zu seiner Mutter, die in Ägypten zurückgeblieben ist, dort ums Überleben kämpft und kaum mit ihrem einzigen Sohn kommunizieren kann.

Emmanuel ist einer von Dutzenden sudanesischen Jugendlichen, die derzeit im Jugendgefängnis von Avlona festgehalten werden. Uns wurde mitgeteilt, dass dort derzeit fast 40 junge Erwachsene im Alter von 17 bis 20 Jahren wegen Schleuserei inhaftiert sind, nachdem sie im vergangenen Jahr auf Kreta angekommen sind. Viele von ihnen, wie auch Emmanuel, haben ihre Väter und älteren Brüder im Krieg verloren und wurden plötzlich die alleinigen Versorger ihrer Familien, woraufhin sie alles taten, um deren Überleben zu sichern.

Wird Emmanuel verurteilt, drohen ihm drakonische Strafen – mindestens 10 Jahre Haft und eine Geldstrafe von 10.000 Euro für jede transportierte Person. Insgesamt könnte er zu 300 Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von mehr als 4 Millionen Euro verurteilt werden.

Am 6. März 2025 wurden bereits sechs dieser jungen Männer im Gericht von Heraklion auf Kreta zu lebenslanger Haft und jeweils 4 Millionen Euro Geldstrafe verurteilt – in Prozessen, die etwa zehn Minuten dauerten. Die jungen Erwachsenen erzählten uns, dass die Verzweiflung und die Angst unter ihnen im Gefängnis überwältigend seien.

Nach griechischem Recht erfüllt jede*r, der*die ein Boot steuert oder eine andere Rolle an Bord übernimmt, die gesetzliche Definition des Verbrechens der „Schleuserei“. Die Strafe wird pro transportierter Person multipliziert. Daher kann allein das Steuern oder die Hilfe beim Steuern eines Bootes oder Fahrzeugs, das undokumentierte Migrierende transportiert, zu jahrzehntelangen Haftstrafen führen, unabhängig davon, ob die Person selbst Teil der geschleusten Migrant*innen ist.

Durch die Strafverfolgung von Meschen wie Emmanuel verstößt Griechenland eindeutig gegen internationales Recht. Laut dem UN-Protokoll gegen Schleuserei, dessen Unterzeichner Griechenland ist, sollen Staaten Migrierende nicht dafür kriminalisieren, dass sie sich selbst schleusen lassen. Dies ist besonders entscheidend für Menschen auf der Flucht, die auf Schleuser angewiesen sind, um Zugang zu Schutz zu erhalten. Das UN-Protokoll legt fest, dass Anti-Schleuser-Maßnahmen die rechtlichen Verpflichtungen der Staaten, einschließlich derjenigen unter der Genfer Flüchtlingskonvention, nicht zuwiderlaufen dürfen. Darüber hinaus ignoriert diese Kriminalisierungspraxis die Pflicht gemäß dem UN-Protokoll über den Menschenhandel, potenzielle Opfer von Menschenhandel zu schützen, was insbesondere in solchen Fällen, in denen Personen in Rollen wie das Steuern von Booten gezwungen wurden, relevant ist.

In der Realität führt diese Kriminalisierungspraxis dazu, dass Migration als solches als schweres Verbrechen geahndet wird.

Emmanuel und die anderen sind einfach nur Teenager, die vor dem Krieg flüchteten, um eine bessere Zukunft zu finden. Jetzt sehen sie sich der Aussicht gegenüber, mehr Jahre im Gefängnis zu verbringen, als sie bisher gelebt haben.

Diese Kriminalisierung muss ein Ende haben – ein für alle Mal. Hört auf, Menschen für das Steuern von Booten zu bestrafen!

Wir fordern:

  • das Fallenlassen der Anklage gegen Emmanuel im Einklang mit internationalem Recht
  • Freiheit für alle, die wegen „Bootsfahrens“ inhaftiert sind
  • ein Ende der Kriminalisierung von Migration und der Inhaftierung von Menschen auf der Flucht.

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